Fidy vonne Ruhr
Bilder und Geschichten
aus dem Ruhrgebiet

Die Geschichte vom Mutterklötzchen



 
Früher wurde im Bergbau noch viel Grubenholz verbaut und so fiel beim Zuschneiden der Stempel oder beim Ausrauben alter Stollen regelmäßig viel Abfallholz an, dass die Bergleute nach der Schicht gern mit nach Hause nahmen. Eigentlich war das Diebstahl, wurde aber meist stillschweigend geduldet.

Die Bergleute fertigten sich also ein so genanntes Mutterklötzchen an, dass aus zerkleinertem Stempel- oder anderem Holz bestand und mit einem Draht oder Bindfaden umwickelt war und Platz in der Arbeitstasche fand. 

Mit diesem Kleinholz konnte man prima den heimischen Kohleherd anheizen, bevor die Deputat-Kohle darauf gelegt wurde, um zum Beispiel das Mittagessen zu kochen oder die Wohnung zu beheizen.

Nun ist ja auch bekannt, dass die Bergleute im Ruhrpott oft polnische Wurzeln hatten und deshalb tief verwurzelt im katholischen Glauben waren. So war das auch bei Kumpel Anton, der mit über 40 Dienstjahren immer frommer wurde und die heilige Barbara sehr verehrte, weil sie ihn und seine Kumpel als Schutzpatronin immer beschützt hatte.

Eines Tages nun plagte unseren Anton das Gewissen, als er wieder das Zechentor passierte und ein stattliches Mutterklötzchen in der Tasche hatte. Er beschloss also, einmal mit dem Pfarrer darüber zu reden, ob das Diebstahl sei oder nicht, denn schließlich wolle er ja mal in den Himmel kommen und nicht wegen Holzdiebstahl in der Hölle schmoren.

Anton bereitete sich gründlich auf das Gespräch mit dem Pfarrer vor. Er wog das dicke Mutterklötzchen auf der Küchenwaage und war überrascht, dass es fast 2,5 kg wog. Er entschloss sich zu der folgenden 
folgende Rechnung:
2,5 kg an ca. 20 Arbeitstagen im Monat machen 50 kg, in einem Jahr ergibt das 600 kg und in 40 Berufsjahren sind das 24 000 kg, was 24 Tonnen entspricht!

Also machte sich Anton auf zum Beichtgespräch mit dem Pfarrer seiner Gemeinde und sagte dem Pfarrer der Berechnung entsprechend, er habe 24 Tonnen Abfallholz gestohlen, um damit seinen heimischen Herd anzuheizen.

Der Pfarrer hörte interessiert zu und sagte dann zu Anton: "24 Tonnen ist wirklich zuviel, warum hast Du denn nicht jeden Tag einfach nur ein Mutterklötzchen mitgenommen?"

Das ist eine typische Geschichte aus dem Ruhrpott, so wie es immer war und teilweise auch noch heute ist. Die Moral davon lautet, man sollte nicht zu viel hochrechnen, aber immer das Herz am rechten Fleck haben!

Die heutige Sensationspresse aber würde wie folgt titeln:

Diebstahl ruinierte den Ruhrbergbau
Milliardenverluste allein durch den Holzdiebstahl
Jeder Bergmann stahl im Durchschnitt 24 Tonnen Holz!