Fidy vonne Ruhr
Bilder und Geschichten
aus dem Ruhrgebiet

1925-1945 aus dem Leben von Edeltraud Becker

1981 schenkte Edeltraut Nolte, geborene Becker die folgende Lebensgeschichte aus den Jahren 1925 bis 1945 ihrem Sohn Reinhard zu dessen 34. Geburtstag. Ich bedanke mich bei Reinhard Nolte für die Freigabe zur Veröffentlichung auf meiner Homepage.

Lieber Reinhard!

Heute will ich Dir mal berichten, wie und wo ich gelebt habe. 1925 wurde ich am 16.12. in Do-Menglinghausen, Menglinghauser Str. 44, früher Barop, Kreis Hörde, Dorfstr. 4, geboren.  

Wir bewohnten zusammen mit meinen Großeltern väterlicherseits eine 5-Zimmer Wohnung in einem freundlich-hell-gestrichenen 2-Familien-Haus, welches der Zeche gehörte. Von der Straße aus führte ein Holztor auf den Eingangsweg. Gleich am Toreingang links stand ein Goldregen-Strauch, etwas weiter ein Rotdorn-Baum und daran anschließend viele "Knallerbsen"-Büsche (Schneeball). Auf der rechten Seite am Eingangsweg stand eine stabile Akazie, ca. 90 cm Durchmesser, die während der Blütezeit wunderbar duftete. 

 

Dann musste man nochmals durch ein Tor aus Eisen und auf roten Pflastersteinen gelangte man zur Eingangstreppe. Gegenüber dem Hauseingang stand noch eine zweite dicke Akazie, etwa in derselben Stärke und daran anschließend Fliederbüsche und Knallerbsen, bis hin zum Garten, der viele Johannisbeer- und Stachelbeersträucher  und Gemüse- und Blumenbeete hatte. Zur anderen Seite des Hauses standen im Hof eine Linde und mehrere Birnen-, Kirsch- und Pflaumenbäume. Ein  massiver Stall mit Vorhof war auch vorhanden. Kaninchen und Hühner hatten wir auch. Einmal hatten wir auch eine Gans. 

 

Vom Küchenfenster aus blickten wir auf einen schönen Rasen. Dort waren auch zwei Pfosten eingelassen, an denen man eine Schaukel befestigen konnte. Ein Haselnuss-Strauch und eine "Sitznische", umgeben mit duftenden Jasmin-Sträuchern bot uns Schutz vor zu viel Sonne. Ich hatte wirklich herrliche Spielgelegenheiten gegenüber anderen Kindern. Ein Tischchen, welches mein Urgroßvater aus Ostheim für mich angefertigt hatte, durfte ich oft mit nach draußen nehmen zum Spielen. Meine Lieblingsspielzeuge waren Puppen und Puppenwagen. Besonders gern hatte ich "Baby-Puppen". Ich hatte einen Bauernwagen und einen mit Federung, das war mein "Wipp-Wagen". Später bekam ich einen ca. 1m hohen Kaufladen mit Theke und allem Zubehör. 

 

Am 30.09.1929 ging ich mit meinem Opa durch Menglinghausen spazieren und als wir zurückkamen, lag in einem Korb-Stubenwagen im Schlafzimmer meiner Eltern ein kleines Brüderchen für mich. Es war unser "Wälterken", so nannten ihn meine Eltern und Großeltern. Als er einige Tage alt war, durfte ich ihn in seinem neuen dunkelblauen Kinderwagen mit weißer Spitzenwagendecke auf dem Hof spazieren fahren, immer rundherum um die Linde. 

 

Ich erinnere mich, dass ich viel Mühe hatte, den Wagen nicht umzukippen, wenn ich über die Baumwurzeln der Linde fuhr. Meine Großeltern und Eltern beobachteten dieses Geschehen vom Fenster aus und ermahnten mich ständig, vorsichtig zu fahren. 

 

1932 kam ich in Menglinghausen in die Schule. Ich ging gerne, und das Lernen machte mir Freude.

Die vier besten Schülerinnen aus unserer 2. Klasse durften das kleine Auto unseres Lehrers putzen; -dazu gehörte ich auch-. Zur Belohnung brachte unser Lehrer uns dafür mit dem Auto nach Hause. Das erregte damals schon großes Aufsehen in der Nachbarschaft.- 

 

Am 25.05.1934 starb mein Opa.

1936 wurde ich im Sommer sehr krank mit hohem Fieber. Ich hatte Scharlach und musste 6 Wochen im Hombrucher Krankenhaus auf der Isolierstation liegen. Besuch durfte man auf dem Zimmer nicht empfangen. Nur durch ein kleines Kläppchen, welches am Eingang zur Isolierstation war, konnten sich die Besucher durch lautes Zurufen mit den Patienten verständigen. Ich hatte viel Heimweh. 

 

1938 kam ich mit der Kinderlandverschickung nach Niederschlesien auf einen sehr großen Bauernhof, der von einer älteren Bäuerin und ihren zwei Söhnen bewirtschaftet wurde. Dort durfte ich auch zum ersten Mal versuchen, eine Kuh zu melken. Aber leider blieb es beim Versuch. Gemeinsam mit einer Magd durfte ich in den Wald und Waldbeeren pflücken. Ich sammelte fleißig, viel mehr als ich mir zugetraut hatte und schickte meiner Mutter 8 Pfund Waldbeeren zum Geburtstag. 

 

1939 wurde mein Vater am 01.12. zur Wehrmacht einberufen und bekam bereits am 07.12. seinen ersten Urlaub aus der Boelke-Kaserne in Münster. Wir trafen meinen Vater unverhofft auf der Straße, als meine Mutter mit meinem Bruder und mir zur Kinder-Weihnachtsfeier der Dortmunder Stadtwerke wollte. Im gleichen Jahr erhielt ich auch Klavierunterricht bei Fräulein Aus dem Bruch (Schwester Ruth). 

 

1940 wurde ich aus der Schule in Barop entlassen, da wir bereits 1938 von der Menglinghauser Schule nach Barop verlegt wurden. Die Menglinghauser Schule blieb zunächst geschlossen. Übrigens war das erste Zeugnis nach der Verlegung von Menglinghausen in die katholische Schule in Barop "mies". Alle Zensuren wurden einfach eine Note herabgesetzt, ohne uns noch mal zu prüfen. Da hat mein Vater tüchtig mit mir geschimpft, das habe ich nie vergessen. Diese Methode der Bewertung habe ich meinem damaligen Lehrer Masiak auch nicht verziehen. 

 

Nach meiner Schulentlassung kam ich nach Lesse und Wolfenbüttel ins Landjahr mit Elly Rasch, die dann auch meine Freundin wurde. Leni Steger aus unserer Nachbarschaft aus dem Bahnhaus war auch mit im gleichen Landjahrlager.

1941 begann ich am 20.01. meine kaufmännische Lehre bei der Fa. Friedrich Kühndahl KG (Glas-, Porzellan- und Haushaltswaren). Ich war sehr pfiffig und daher auch schnell beliebt, denn ich konnte von Hause aus schon etwas Schreibmaschine schreiben und war im Zusammenrechnen, -auch im Kopf- schneller als die Addiermaschine. Oft nahm ich das Akkordeon meines Vaters mit zur Arbeitsstelle und in der Mittagspause gingen wir dann bei gutem Wetter auf den Dachgarten, dort durfte ich spielen und die anderen haben dazu gesungen. Es war eine prima Büro-Belegschaft. 

Viele Sonntage mussten wir in der Firma als Brandwache Dienst tun. Dazu wurde man eingeteilt. Das Gebäude der Firma Kühndahl wurde mehrmals durch Bomben beschädigt. In einer Bombennacht hat es bei einem Angriff sogar drei tote Wachmänner gegeben. 

 

Am 07.06.1941 starb meine Oma. Mein Vater bekam Sonderurlaub von der Wehrmacht, er lag zu der Zeit in Amiens. Auch mein Elternhaus und umliegende Häuser hatten 1942 und 1943 mehrmals "Teil-Bombenschäden" und viele Dächer waren abgedeckt und Türen und Fensterscheiben zerstört. 

 

Die Bismarck-Oberschule, zu der mein Bruder ging, wurde von der Luisenstr. nach Baden-Baden evakuiert. Mit 15 Jahren durfte ich zum ersten Mal alleine nach Ostheim/Rhön verreisen. Man musste oft umsteigen und zwar in Eisenach, Meiningen und Mellrichstadt. Trotz der schlechten Zeit hatte ich einen kleinen schwarzen Lack-Koffer, der beige abgesetzt war.- 

 

Nach Beendigung der Lehre nahm ich meine Tätigkeit bei einer militärischen Dienststelle als Kontoristin beim "Sonderausschuß Fahrzeuginstandsetzung" beim Heimatkraftfahrpark auf. Die Spezialausdrücke waren böhmische Dörfer für mich. Aber trotzdem habe ich mich sehr schnell eingearbeitet und konnte alles, was ich in Steno- und Maschinenkursen dazu gelernt hatte, sehr gut verwenden. Arme und Reiche mussten erst zu unserer Dienststelle kommen, wenn sie für ihr Auto eine Reparatur-Genehmigung und eine Einweisung für bzw. in eine Werkstatt brauchten. Ohne unsere Dienststelle war nichts zu machen. 

 

Ich bekam mehrmals Einberufungsbescheide zum Reichs-Arbeits-Dienst und mein damaliger Chef hat es geschafft, mich dreimal zu reklamieren, doch dann am 04.07.44 wurde ich doch noch zum R-A-D einberufen. Meine Mutter und mein Chef verabschiedeten mich am Dortmunder Hbf. In meinem Gepäck befand sich auch das Akkordeon meines Vaters, und gemeinsam mit einem Mädchen aus Bochum, welches bereits schon im Abteil saß, machten wir Musik für die übrigen Mädchen. Es klang gar nicht schlecht. Unser Ziel war das R-A-D-Lager in Marklohe über Nienburg/Weser; eine wunderbare große alte Arzt-Villa mit "Ahnenkeller" und einem riesigen Park mit sehr vielen Obstbäumen.- 

 

Meine Arbeit im Außendienst verrichtete ich bei einem Bauern mit 5 Kindern. Im Oktober desselben Jahres wurden wir von der FLAK übernommen. Ich kam nach Berne/Oldenburg zur "B-B" Batterie-Befehls-Stelle. Von dort aus wurden wir auf die einzelnen Stellungen verteilt. Unsere Unterkünfte waren Baracken, die man nur über Lattenroste erreichen konnte. Vielfach lagen diese Stellungen in Moorgebieten. Wir wurden ausgebildet am Scheinwerfer, Horchgerät oder "Fu-M-G", Funkmessgerät und mussten nach der Grundausbildung mit den Kanonen-Batterien zusammen arbeiten. Über unserem Einsatzraum waren viele schwere Angriffe... 

 

Im Dezember 1944 ist mein Vater in Pola/Adria gefallen. Diese Nachsicht erhielt ich über meine militärische Dienststelle und bekam vom 12. Bis 20.12. Sonderurlaub. Die Heimfahrt wurde mehrmals von Tieffliegerangriffen unterbrochen. Die Verpflegung war sehr knapp. Ich kam erst mitten in der Nacht in Dortmund-Hbf. an und musste zu Fuß nach Menglinghausen. Es war ganz unheimlich. Gott sei Dank schien der Mond. Ich musste meine Mutter erst mal durch Klopfen wecken, sie wusste ja nicht, dass ich Urlaub bekommen hatte. Es waren traurige Urlaubstage. 

 

Am 20./21.02.1945 wurde unser Haus in Menglinghauser Str. 44 durch eine Luftmine völlig zerstört. Wir verloren sämtliches Hab und Gut. Oma und Onkel Walter waren im Bunker während dieses Luftangriffes. Auch diese Nachricht erhielt ich über meine Einheit. Eine Welt brach für mich zusammen. 

 

Im April 1945 wurde ich noch nach Schiltern/Krs. Zuaim/Niederau versetzt. Nach Kriegsende sollten wir an die Amerikaner übergeben werden, doch von der anderen Seite zog der Russe in die Stadt ein und es gab ein wüstes Chaos von Fahrzeugen, die plötzlich alle versuchten, zu wenden. Wir ließen unser weniges Hab und Gut auf den Lastwagen, die uns bis dorthin transportiert hatten und waren ziemlich erschöpft, als wir endlich ein Waldgebiet erreicht hatten, in dem wir übernachten mussten. 

 

Am nächsten Tag begann ein langer, unbequemer Weg nach Hause, sofern man noch ein Zuhause hatte. Züge fuhren so gut wie gar nicht mehr. Man war also ziemlich auf sich selbst gestellt. Ich hatte so kaputte und wunde Füße, dass ich nicht mehr laufen konnte. In Deggendorf/Donau bekam ich meine Entlassungspapiere von den Amerikanern ausgehändigt. Weiter ging es zu Fuß bis Amberg zu einer amerikanischen Dienststelle. Die ließen mich bis Nürnberg zum Lazarett bringen. Dort wurden meine Füße behandelt, die Blasen wurden aufgeschnitten und das Wunde mit Salben und Verbänden versorgt. Anschließend entließ man mich wieder, trotzdem ich kaum gehen konnte. In Fürth sprach mich eine Frau an und bot mir an, eine Nacht bei ihr zu verbringen; sie sah, dass ich vor Schmerzen fast am Ende war. 

 

Weiter ging es am nächsten Tag. In vielen kleinen Etappen bin ich dann doch noch bis Dormagen/Rhein gekommen. Dort habe ich fünf Tage mit meinen kaputten Füßen im Krankenhaus gelegen. Ein alter Mann mit einem Pferdefuhrwerk hatte mich dorthin gefahren. Ich wollte nicht in das Krankenhaus, weil ich kein Geld für die Rechnung hatte. Aber ein 17jähriges Mädchen, welches aus der Kinderlandverschickung kam und sich irgendwo unterwegs angeschlossen hatte, hat mir das Geld vorgestreckt. 

 

So fand man immer wieder und überall Menschen, die einem aus der größten Not geholfen Haben. Und deshalb versuche ich auch immer wieder, anderen Menschen Gutes zu tun und zu helfen, wo immer ich kann. 

 

So, mein lieber Reinhard, dieses war in groben Zügen ein Teil meines Lebenslaufes. 

 

Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen

Deine Mutter

Brechten, den 23.8.1981